Zwischen Burnout-Prävention und Aktenbergen: Was machen Lehrer eigentlich in den Ferien?

  • Vor 4 Wochen veröffentlicht

Inhaltsverzeichnis

Es ist das wohl am schlechtesten gehütete „Geheimnis“ der deutschen Arbeitswelt, das regelmäßig für hochgezogene Augenbrauen am Stammtisch sorgt: die vermeintlich endlose Freizeit der Lehrerschaft. Während der Rest der arbeitenden Bevölkerung mühsam seine 28 bis 30 Urlaubstage über das Jahr jongliert, scheinen Pädagogen in einer permanenten Warteschleife aus Sommerfrische, Herbstferien und Osterruhe zu leben.

Doch wer den Blick hinter die geschlossenen Jalousien der Lehrerzimmer wirft, merkt schnell: Das Bild vom Lehrer, der am letzten Schultag den Stift fallen lässt und erst sechs Wochen später tiefbraun gebrannt wieder auftaucht, ist ein Mythos. Ein Blick auf die Realität zwischen Korrekturphasen und Unterrichtsplanung.

Der Mythos der „unterrichtsfreien Zeit“

Zunächst ein wenig Begriffsaufklärung: Rechtlich gesehen haben Lehrer in Deutschland gar keine „Ferien“ in dem Sinne, dass sie komplett arbeitsfrei sind. Sie haben unterrichtsfreie Zeit. Während die Schüler tatsächlich Pause vom Lernen haben (sollten), bleibt die Dienstpflicht für die Lehrer bestehen. Der echte Urlaubsanspruch entspricht dem anderer Beamter oder Angestellter und wird lediglich in den Ferien abgegolten.

Die erste Phase: Die große Entschleunigung

Wenn die Zeugnisse vergeben und die Türen ins Schloss gefallen sind, beginnt für die meisten Lehrkräfte die Phase der Dekompression. Der Lehrerberuf gehört laut Studien zu den psychisch belastendsten Berufen. Die ständige Präsenz vor 30 Individuen, der hohe Lärmpegel und die emotionale Arbeit fordern ihren Tribut.

In den ersten ein bis zwei Wochen der Sommerferien geht es oft schlicht ums Überleben. Viele Lehrer berichten von der sogenannten „Leisure Sickness“ – kaum lässt der Stress nach, meldet sich das Immunsystem mit einer Erkältung ab. In dieser Zeit steht die Regeneration im Vordergrund: Schlaf nachholen, das Privatleben sortieren und den „Tunnelblick“ des Schuljahres ablegen.

Die zweite Phase: Der „unsichtbare“ Schreibtisch

Sobald die erste Erschöpfung verflogen ist, verwandeln sich deutsche Wohnzimmer oft in Außenstellen der Schulverwaltung. Wer glaubt, Bildung passiere nur im Klassenzimmer, verkennt die gigantische Logistik dahinter.

  • Die Nachbereitung: Was lief gut? Welche Methoden sind krachend gescheitert? Die Reflexion des vergangenen Jahres ist essenziell, um nicht auszubrennen oder didaktisch zu verkrusten.
  • Die Materialschlacht: Neue Lehrpläne, neue Schulbücher, neue digitale Tools. Lehrer nutzen die Ferien, um Arbeitsblätter zu designen, Experimente vorzubereiten oder sich in Software wie Moodle oder MS Teams einzuarbeiten.
  • Fortbildungen: Viele Seminare und Zertifizierungen finden bewusst in der unterrichtsfreien Zeit statt, damit kein Unterricht ausfällt. Ob Inklusion, Medienkompetenz oder Erste Hilfe – die Schulbank drückt in den Ferien oft der Lehrer selbst.

Korrekturmarathon: Wenn die Ferien zur Schichtarbeit werden

Besonders hart trifft es die Korrekturfächer wie Deutsch, Englisch oder Geschichte. In den kürzeren Ferien – Herbst, Weihnachten oder Ostern – ist an echte Erholung oft kaum zu denken. Wenn 60 Oberstufenschüler ihre Klausuren abgegeben haben, bedeutet das für die Lehrkraft oft 100 bis 150 Stunden reine Korrekturzeit. Während die Familien der Schüler im Skiurlaub sind, sitzt der Lehrer am Rotstift.

„Ferien sind für mich die Zeit, in der ich endlich mal acht Stunden am Stück arbeiten kann, ohne dass jemand meinen Namen ruft oder eine Glocke läutet“, formuliert es eine Gymnasiallehrerin treffend.

Warum wir ihnen die Pause gönnen sollten

Man könnte nun argumentieren: „Dafür verdienen sie ja auch gut.“ Das stimmt bedingt, doch der Mehrwert einer erholten Lehrkraft für die Gesellschaft ist kaum in Euro aufzuwiegen. Ein Lehrer, der ausgebrannt aus den Ferien zurückkommt, kann keine Inspiration bieten.

Die Ferien dienen der kreativen Aufladung. Ein Geschichtslehrer, der in Rom Ruinen besichtigt, oder eine Biologielehrerin, die durch die Alpen wandert, bringen neue Impulse, Fotos und Geschichten mit in den Unterricht. Diese „indirekte Vorbereitung“ durch Horizonterweiterung ist es, was lebendigen Unterricht von trockenem Vorlesen aus dem Buch unterscheidet.

Ein Blick auf die Statistik: Arbeitszeit über das Jahr

Studien zur Arbeitszeit von Lehrkräften (wie etwa die der Universität Göttingen) zeigen regelmäßig: Lehrer arbeiten während der Schulzeit oft 50 bis 60 Stunden pro Woche. Rechnet man die Mehrarbeit der Schulwochen gegen die freien Tage in den Ferien auf, ergibt sich meist eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit, die exakt der von anderen Vollzeitbeschäftigten entspricht – oder darüber liegt. Die Ferien sind also schlicht ein Arbeitszeitkonto, das im Sommer abgebaut wird.

Fazit: Mehr als nur Füße hochlegen

Was machen Lehrer also in den Ferien? Sie sind Manager ihrer eigenen Professionalisierung. Sie sind Logistiker, die das nächste Halbjahr planen. Sie sind Korrektoren, die Stapel von Papier bezwingen. Und ja, sie sind auch Menschen, die die Zeit nutzen, um Kraft für eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft zu tanken: die Bildung der nächsten Generation.

Wenn Sie das nächste Mal einen Lehrer am Dienstagvormittag im Café sehen, denken Sie daran: Er hat wahrscheinlich am Sonntagabend davor drei Stunden lang Unterrichtsentwürfe skizziert, während Sie entspannt auf der Couch saßen.

Eines ist sicher: Die besten Lehrer sind die, die wissen, wie man richtig Urlaub macht – denn nur wer selbst brennt, kann in anderen ein Feuer entfachen. Und zum Brennen braucht man eben ab und zu neuen Sauerstoff.

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